„Wir freuen uns auf ein Fest heute Morgen.“
Mit diesen Worten begrüßte Gemeindevorsteher Erich Maier vor dem Gottesdienst alle, die an einem strahlend schönen spätsommerlichen Sonntagmorgen in die Jettinger Kirche gekommen waren. Es gab Bekanntgaben. Einmal Grundsätzliches zu geänderten Regeln des immer noch notwendigen Hygienekonzepts in der Corona-Pandemie. Und Spezielles für diesen Tag. Vorsorglich hatten Gemeindemitglieder die besonderen Musikbeiträge für diesen Gottesdienst auf einen Tonträger aufgenommen, da niemand wissen konnte, ob und wie Chorgesang an diesem Sonntag möglich sein würde. Sicher ist sicher, hatten sie sich gesagt und für „ihr“ Jubiläumsehepaar keine Mühe gescheut, wie später zu hören war, als die Musik abgespielt wurde.
„Vater, ich weiß, dass deine große Gnade noch regiert…“ (Nr. 220 Chorbuch für den neuap. Gottesdienst, Text Helen R. Young, 1900, Allie Starbright). Ein Liedwunsch des Ehemanns. Bezirksvorsteher Klaus von Bank, der den Gottesdienst leitete, ging darauf ein, nachdem es gerade verklungen war. „Ein starkes Lied und gewichtige Gedanken.“ Mal vom Erfolg verwöhnt, mal am Boden liegend, und alles bringt mich näher zu Gott, wie es im Refrain heißt? Schwer, das immer so zu sehen. Wenn es gerade schlimm zugeht, dann kommt schnell der Gedanke auf: So, das hast du jetzt davon. Im Gottesdienst kann ein anderer Blick auf die Dinge eröffnet werden. Er wird geweitet und man vermag klarer zu sehen. „Und jetzt,“ sagte von Bank, an die beiden Jubilare gewandt , „ jetzt würde ich am liebsten gleich zu eurer Eisernen Hochzeit kommen.“
Aber zuvor musste es doch erst einmal um das Textwort für den Gottesdienst gehen: „seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, auf dass ihr durch sie wachset zum Heil, da ihr schon geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.“ (1. Petr 2, 2 u. 3). Petrus` Wunsch war, dass das Leben, das die Christen empfangen hatten, durch das Evangelium genährt wird. In heutiger Zeit kommt täglich eine Menge an Informationen. Ständig wird man mit Ansichten und Meinungen konfrontiert. Da heißt es aufpassen und nicht gleich alles für bare Münze nehmen. Neben unsinnigen Theorien stehen verlässliche Wahrheiten. Dem sind wir ausgesetzt. Aber, wie es schon immer hieß, verhindern, dass die Vögel über den eigenen Kopf fliegen, kann man nicht. Wohl aber, dass sie darauf Nester bauen. Wachsam sein. Niederträchtige Unterstellungen von edlen Gedanken trennen, das gilt es sorgfältig zu prüfen. Aufpassen und nicht sofort alles nachmachen. Vielmehr fragen: Ist das mit dem Evangelium in Einklang zu bringen?
„ … begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein,…“ Kinder wollen und brauchen Milch. Sie ist gut für sie. Nichts Kompliziertes, eine einfache Grundnahrung. Ebenso brauchen wir das Evangelium. Auch nichts Kompliziertes. Dazu ist kein Studium notwendig. „Kommt her zu mir, alle.“, das ist Jesus` Einladung. (Mt 11, 28 - 30). Er, der sich zu den Sündern gesellte und an sie eine Botschaft für die Armen richtete. Jeder Mensch ist von Gott berufen. Wir sind es heute hier. Andere sind es im Jenseits und letztlich, im Tausendjährigen Friedensreich, ist es jeder Mensch.
Die Apostel haben den Auftrag, das Evangelium zu verkünden und dessen Reinheit zu bewahren. Sie sind auch Menschen. Nicht jedes von ihnen gesprochene Wort ist ein Wort Gottes. Aber ihre Sendung und ihre Fähigkeiten, ihren Auftrag durchzuführen, werden durch menschliche Schwachheiten nicht tangiert. Wenn der Geldbriefträger nicht dem Ideal entspricht, kann mich das nicht daran hindern, eine hübsche Summe von ihm anzunehmen.
„ … da ihr schon geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.“ Das ist nicht selbstverständlich. Aber das Wort soll Mut machen. Beten wir füreinander, dass wir die Kraft bekommen, Gottes Nähe zu erleben. „Petrus, der Felsen (Mt 16, 18), dessen Wort gilt damals wie heute. Für alle Ewigkeit. Damit wollen und können wir freudig weitergehen.“
Nach Sündenvergebung und Heiligem Abendmahl wurde es feierlich still in der Kirche. Zu hören war ein Lied „Still und demutsvoll ergeben stehe ich an heil`gem Ort,…“ (Chorbuch Nr. 124, Melodie und Text Günter Brücher, 1930 – 2009). Das Paar war nach vorn an den Altar gekommen. Der Bezirksvorsteher begrüßte sie herzlich „Liebe Waltraud, lieber Josef, seid willkommen!“ Er erinnerte an das Vorgespräch, bei dem noch niemand wissen konnte, wann konkret und unter welchen Bedingungen das Fest würde gefeiert werden können. „Deshalb sind wir dankbar für den heutigen Tag, an dem wir in dieser Form zusammenkommen dürfen.“ Eiserne Hochzeit – 65 Ehejahre – ist Eisen wertvoller als das „Material“, aus dem die Attribute für die vorhergehenden Ehejubiläen gewählt sind, um nur die Diamantene Hochzeit zu nennen? Eisen bedeutet Stabilität, die Sicherheit schafft. Dafür muss die Beziehung von Liebe getragen sein. Damit jeder bemüht ist, sein Bestes dafür zu geben. Hier mag manche/r Verwitwete/r anwesend sein mit dem wehmütigen Gedanken, das heute hätte ich auch gern erlebt. Umso größer die Dankbarkeit dafür, noch beisammen zu sein. Mit Kindern, Enkeln und allen Angehörigen. Nicht selbstverständlich. Und auch nicht immer ohne Sorgen. Aber man kann als Paar miteinander darüber reden. Das ist ein Segen. „Kraft und Gesundheit möge Gott euch schenken.“ Es folgten ein Gebet und der Segen zum Ehejubiläum: „Der liebe Gott hat euch zusammengeführt und ihr sollt weiter unter seinem Schutz leben dürfen.“
Geige und Klavier – live – spielten die Melodie von „Ins Wasser fällt ein Stein…“ (Entstanden 1969, Komponist Kurt Kaiser). Klaus von Bank verabschiedete sich und es erklang als letzter musikalischer Beitrag „vom Band“ der „Irische Segenswunsch“.
Ein sichtlich bewegter Gemeindevorsteher trat danach noch einmal ans Mikrofon. Er fand nicht sofort und auch nicht viele Worte, aber die kamen, zugleich für alle Jettinger, von Herzen. Es war der Dank an den Bezirksvorsteher, mit dem die Gemeinde über lange Jahre hinweg „Freud und Leid hatte teilen können.“ Und nun – war es mit aller Wahrscheinlichkeit sein letzter Besuch in dieser Funktion in Jettingen gewesen, dafür verdichten sich die Anzeichen. Im Namen aller dankte Erich Maier „seinem“ Bezirksältesten für die miteinander erlebten Jahre und überreichte ein Paket, dessen Inhalt durchaus Gefallen auf Seiten des Beschenkten auszulösen schien. Nachdem der Vorsteher diese nicht leichte Aufgabe bewältigt hatte, war er sichtlich erleichtert und wünschte: „Allen einen wunderschönen Sonntag bei strahlend blauem Himmel.“