Der Altar dort war liebevoll mit Sonnenblumen geschmückt. Wer von außerhalb anreiste, hatte diese Blumen schon vorher bewundern können. Da sah man rechts und links von der Straße die schon abgemähten Getreidefelder und, zwischendrin, große Flächen mit vielen Sonnenblumen, die einheitlich die Blüten nach Osten ausgerichtet hatten. Dorthin, woher das Licht am frühen Morgen kommt. Ihre täglich neue Sicherheit, die sie brauchen und so auch finden: die Köpfe bis zum Abend immer zur Sonne gewandt. Auch wir Menschen brauchen Orientierung. Gerade jetzt in Zeiten der durch Pandemie verursachten Unsicherheit mit oft nagenden Gedanken, gegenwärtigen Sorgen und Zukunftsängsten. Bischof Heiniger drückte schon im Eingangsgebet Bitte und Zuversicht aus: "Lieber Gott, du wirst führen. Unser Glaubensziel ist durch diese äußeren Umstände nicht kleiner geworden."
Ihn bewegte: Trotz der aus zwingenden Gründen gebotenen äußeren Distanz ist im Gottesdienst Nähe untereinander zu fühlen. Das macht Mut, weitergehen zu können. Die Jünger damals waren beeindruckt von Jesus` Macht. Einerseits. Andererseits mussten sie feststellen, dass sich durch ihn an den irdischen Verhältnissen nichts Grundsätzliches änderte. Es gab weiter Arme und Reiche. Die römische Herrschaft blieb. Dem Kaiser, dem "Schmarotzer", mussten immer noch Abgaben gezahlt werden. Auf ihre Klagen hin antwortete Jesus mit einem Bild - dem der Münze, damals mit dem Bild des Kaisers auf der einen Seite. Das Geldstück hat aber immer zwei Seiten. Der Mensch neigt dazu, nur die eine zu sehen. Im Gottesdienst erfolgt der Hinweis: Komm aus deiner persönlichen Situation heraus. Erleb die andere Seite. Gott hat die gegenwärtige Situation zugelassen. Ein Wort von ihm ... Unsere nur einseitige Sicht - aber es gibt auch die andere Seite, die wir nicht sehen können.
"Du sollst nicht stehlen." (2. Mos 20, 15). Der Bischof wiederholte das eingangs verlesene Bibelwort für den Gottesdienst. "Die Zehn Gebote enthalten so viel. Bei ihnen geht es nicht nur um die äußere wortgetreue Befolgung." Der Reiche Jüngling - hatte die Gebote gehalten von Jugend an. Aber seinen Reichtum verkaufen, Jesus nachfolgen, nein, das konnte er nicht. Jesus folgen, das ist kein Muss, kein Gebot. Das geht nur aus der Liebe heraus: Ich möchte werden wie er. Das Gebot, nicht zu stehlen, ist nicht beschränkt darauf, zum Beispiel keine Bank zu überfallen. Es geht viel weiter: "Wie gehst du mit deinem Nächsten um?" Schon in ganz kleinen Dingen - bin ich "echt", ehrlich, oder versuche ich, ihm etwas vorzumachen? Auf der Münze war der Kaiser zu sehen, der Steuern verlangte - meine Einstellung dazu? "Die da oben" setzen Millionen und mehr falsch ein, und da soll ich mich nun korrekt verhalten?
Achte ich die Würde des Anderen, nicht nur scheinbar, sondern ernsthaft, aus meiner inneren Haltung heraus? Egoisten können das nicht. Da habe ich auch ganz schnell eine Entschuldigung für mich parat. Ging leider beim besten (?) Willen gerade nicht anders. Neid schadet, der Gedanke, ich bin eben zu kurz gekommen, da muss ich doch... Kain und Abel, der eine ist gekränkt, fühlt sich nicht ausreichend beachtet. Bei solchen Gedanken an die damalige göttliche Mahnung denken: "Die Sünde lauert vor deiner Tür!" Kann ich noch wirklich dankbar sein für das, was ich habe? Und das auch in Pandemiezeiten, in denen uns Manches, was vorher war, abgeht. Dankbarkeit macht uns immun gegen Unzufriedenheit. Habgier könnte im Weg sein. Der Reiche Kornbauer, der es sich nun gut gehen lassen wollte. Nach üppiger Ernte, die die Altersversorgung hätte sein können. Aber seine Seele, die hatte er vernachlässigt. Landläufig formuliert, stiehlt jemand, der nicht gerade der Fleißigste ist, dem lieben Gott die Zeit. Der hat jedem Menschen Lebenszeit geschenkt - wie gehe ich mit meinert um? Sehe ich nur mich. nutze meine Gaben nicht auch für den Nächsten, dann "stehle" ich damit Zeit. Da war der, der nicht "mit seinem Pfund gewuchert", es nicht vermehrt hatte. Dazu fehlte ihm das Vertrauen. Sorge dich nicht zu sehr um den nächsten Tag. Nach einem Denkanstoß im Gottesdienst funktioniert das meist, erst mal. Aber dann kommen im Lauf der Woche die Sorgen. Lass sie nicht deine Seele "auffressen". Wozu drängt mich die Liebe zu Jesus? Ist es mir ein Bedürfnis, zu werden wie er? Wir wollen versuchen, das Göttliche über das Menschliche zu stellen: "Ich will mich für den Herrn und den Nächsten einsetzen."
Vor der Feier des heiligen Abendmahls war es der Wunsch des Bischofs: Gemeinsam wollen wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, auf das, was im Geistigen geschieht. Zachäus, der sündige Zöllner damals, sollte von dem Baum herunterkommen, auf dem er sich versteckt hatte. Jesus wollte bei ihm einkehren. Für den Gottessohn ging es nie um Äußerlichkeiten.
Nach dem Gottesdienst bedankte sich der Bischof bei denen, die für die musikalische Begleitung gesorgt hatten, die Spielerinnen an der Orgel, am Klavier und mit der Geige. Ein Herzenswunsch war es ihm, die nicht aus den Augen zu verlieren, die derzeit aus gesundheitlichen Gründen die Gottesdienste nicht besuchen können. Herzliche Grüße an sie wurden mitgegeben, denn "Wir bleiben eine Gemeinde!"