Ein Priester aus der Gemeinde tritt in den Ruhestand und ein Diakon wird zum Priester ordiniert.
„Meine Seele ist stille in dir…“ (Komponist Klaus Heizmann, geb. 1944)
Die letzten Töne dieses von der Orgel zu Beginn des Gottesdienstes gespielten Lieds waren gerade verklungen. Apostel Martin Schnaufer knüpfte an dessen Text an: „Stille - Ein weiser Mann hat gesagt, Menschen können wohl vergessen, was mal gesagt wurde oder worüber sie etwas gelesen haben. Aber nicht, welche Gefühle in ihnen ausgelöst wurden.“ Es gibt auch ein besonderes Erleben in der Gemeinde, in der Gemeinschaft mit den Glaubensgeschwistern, das das eigene Empfinden auf eine ganz andere Ebene führt. So, dass man die Dinge wieder in einem anderen Licht sehen kann. „Lasst uns das erleben.“ Man kann so tief in Problemen stecken, dass es schwerfällt, sich von Gott da herausführen zu lassen. Machen wir uns bewusst, dass wir in seiner Liebe geborgen und nicht von Zufällen abhängig sind. Schnaufer zitierte den Psalmisten: „Von allen Seiten umgibst du mich …“ (Ps 139, 5). Im Gottesdienst möge jedem deutlich werden, dass der allmächtige Gott an seiner Seite ist.
Dessen Grundlage war an diesem Abend ein Text aus dem Markusevangelium. „Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden? Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist´s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“(Mk 10, 26, 27). Dem Kapitel über Jesus` Begegnung mit dem Reichen Jüngling sind diese Verse entnommen. Im Irdischen war er mit allen Gütern gesegnet. Damit war automatisch auch ewiger Reichtum gesichert? Nein, denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt. (Mk 10, 25). Aber, „alle Dinge sind möglich bei Gott.“. Nicht die eigene Leistung zählt für das ewige Heil. Nicht das strikte Einhalten der Gebote, wie es der Reiche Jüngling getan hatte (Mk 10, 20). Eine wunderschöne Sache, deren Wert keineswegs geschmälert werden soll. Aber bei Gott ist es anders. Nein, er muss mich nicht annehmen, er kann es aber. Das soll uns nicht ängstigen. Vielmehr darauf aufmerksam machen: Bitte, nehmt nicht das falsche Kriterium, denn bei ihm sind alle Dinge möglich.
Ich werde das doch gar nicht schaffen können? Ich rege mich doch immer auf über anderer Menschen Verhalten. Ich müsste doch noch so viel mehr tun… Bei Gott ist alles möglich. Nichts kann uns von seiner Liebe trennen. Er sieht das Herz an. Sieht, dass du gegen das Böse kämpfst. Wir müssen aber seine Gnade, seine Hilfe auch wollen. Der Reiche Jüngling hatte, so, wie er es gelehrt worden war, alle Gebote gehalten. Jesus aber reagierte: Vergiss das. „…folge mir nach!“ (Mk 10, 21).
Im Glaubensleben sagen wir oft: Das kann doch wohl nicht wahr sein. Ein Amtsträger macht Fehler, das passt doch alles nicht zusammen! Jeder Mensch macht Fehler. Und ein Amtsträger ist auch ein Mensch. Wenn Gott ihn schickt, vertraue ich darauf, dass Gott trotzdem durch ihn wirkt. Ein vollkommener Glaube, eine vollkommene Läuterung reinigen uns von den Dingen, die uns von Jesus trennen. Dann wird uns Gnade geschenkt. Wenn wir nicht locker mit unseren Fehlern umgehen. Vielmehr sie bedauern und bereuen. Dazu eine vollkommene Versöhnungsbereitschaft. Die aufzubringen fällt schwer bei schreiender Ungerechtigkeit. Aber man kann sich wenigstens entscheiden, sich versöhnen zu wollen. Dann sieht Gott, dass der Mensch sich im Rahmen seines Möglichen bemüht. Sich Jesus als Vorbild nehmen. Ihm nachstreben, dann wird Gott helfen.
Ein Beispiel für Gottvertrauen: Das Volk Israel war 45 Jahre lang auf dem Weg von Israel nach Kanaan gezogen. Nun wurden Kundschafter ausgesandt, die herausfinden sollten, wie eine Eroberung der Stadt möglich sein würde. Ihr Ergebnis war, dass das nichts werden könne. Als einzige waren Josua und Kaleb überzeugt, dass mit des Herrn Hilfe es doch zu schaffen sein würde. Und so war es auch (vgl. 4. Mos 13, 30). In heutiger Zeit, in der so viele Dinge auf uns einstürmen, alles überbordend gilt auch, dass wir trotzdem mit des Herrn Hilfe unser Ziel erreichen werden. Veränderungen können Gott nicht davon abhalten, seinen Plan durchzuführen. Die Einnahme von Jericho – mit Posaunenklängen? Wie sollten die Mauern zum Einstürzen bringen? Müsste Gott nicht seine Taktik ändern? Am siebenten Tag fielen die Mauern. (vgl. Jos 6, 20). Der Apostel appellierte, auch in heutzutage Mut und Zuversicht zu haben, denn bei Gott ist nichts unmöglich.
Aus dem Noch-Nachbarbezirk Albstadt war dessen Leiter, Rainer Meyer, zum Gottesdienst gekommen. In seinem Beitrag dazu betonte er die göttliche Allmacht, die durch seine väterliche Liebe zu den Menschen relativiert wird. Eine Liebe trotz der Unzulänglichkeiten seiner Geschöpfe, um die Gott weiß. Wie oft stehen wir manchen Dingen fassungslos gegenüber. Jesus` Jünger waren keineswegs vollkommen. Und trotzdem legte der Gottessohn sein Werk in ihre Hände. Das gibt auch die Zuversicht, die zum Jahresende anstehenden Veränderungen in den Bezirken Albstadt, Tübingen und Nagold mit Mut und Gottvertrauen angehen zu können.
Apostel Martin Schnaufer leitete zu Sündenvergebung und Feier des heiligen Abendmahls über: Auch heute dürfen wir wieder Gnade erleben. Wie oft soll ich meinem Nächsten vergeben? Sieben mal siebzig Mal war auf diese Frage Jesus` Antwort. (Mt 18, 22). Das war nicht als Rechenaufgabe gedacht, sondern: „Hör auf, Anderer Fehler zu zählen. Sei einfach vergebungsbereit.“
An diesem Abend wurde ein Priester aus der Gemeinde in den Ruhestand versetzt. Hinter ihm lagen 37 Jahre als Amtsträger, davon 27 als Priester. Seit 19 Jahren in der Gemeinde Rottenburg. Immer mit ganzem Herzen für seine Glaubensgeschwister da. Mit der Einstellung: Gott ist der Handelnde. Ich bin nur ein Werkzeug. Spuren seines segensreichen Wirkens wirken fort. Dafür gab es großen Dank und einen herbstbunten Blumenstrauß.
Danach erfolgte die Ordination eines Diakons zum Priester. „Gott ruft zu seinem Dienst so, wie es richtig ist.“ Und der Diakon habe sich mit ganzem Herzen zu einem „Ja“ entschieden. Ein „Ja“ zu Christus. Mit der richtigen Herzenseinstellung: Ich darf ein Werkzeug sein. Mit Sendungsbewusstsein und Demut: Gott ist der, der handelt. Nach Erteilung des Amtsauftrags schloss der Apostel mit der Zusage: Der liebe Gott bekennt sich zu dir.
Am Ende des Gottesdienstes folgte der musikalische Schlusspunkt von Orgel (der frisch ordinierte Priester) und Klavier (Jan-Thilo Bayer). Bereits im Eingangslied war von der Gemeinde gesungen worden:
„Stern, auf den ich schaue…“ mit dem Refrain:
„… alles, Herr, bist du.“
Das Lied (Neuap. Gb. Nr. 371, Text Kornelius F. A. Krummacher, 1824 – 1884), Melodie Minna Koch, 1845 – 1924) hat drei Strophen. Die Melodie wurde ebenso oft gespielt, in der Lautstärke sich steigernd vom verhaltenen piano bis hin zum grandiosen fortissimo, den Eindruck erweckend, dass die Töne jetzt bis in den letzten Winkel des Spitzdachs der Rottenburger Kirche drängten, und noch viel weiter, in alle Höhen hinauf.