"Wenn der Heiland als Bräut`gam erscheint und die Seinen als Erlöste zur Hochzeit vereint. O dann werden sie glänzen wie die Sterne so rein, wie die Krone des Königs voll Edelgestein."
Die Melodie dieses Kinderlieds (in früheren Ausgaben des neuap. Gesangbuchs) hatte Diakon Markus Herr auf dem Klavier gespielt. Im jetzigen Gesangbuch (Nr. 407, Melodie George Frederick Root, 1820 - 1895) ist es der Rubrik "Den Glauben erleben: Verheißung - Erwartung - Erfüllung" zugeordnet. Urs Heiniger erinnerte sich daran, wie er dieses Lied in jungen Jahren gern gesungen hatte: "Ein Lieblingslied, damals. Das Empfinden dabei ist bis heute geblieben. Etwas, das nicht mit dem Verstand zu erfassen ist." Etwas, das Menschen schon in viel früheren Zeiten hatten. Als ein Dichter der Psalmen es formulierte: "Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden." (Ps 126, 1).
So lautete das zuvor verlesene Bibelwort für den Gottesdienst. "Sein wie die Träumenden - das bereitet Gott in der Wirklichkeit." Es gilt für jedes Lebensalter, so unterschiedlich die Lebenssituation auch sein mag. Im Gottesdienst sind wir alle in derselben Weise vor Gott. Wenn der Heiland erscheint, sind wir alle gleich. Im Psalm wird beschrieben, wie es sein wird, wenn das Volk Israel wieder in die verlorene Heimat kommen wird. Aus der Ebene, dem Tal der babylonischen Gefangenschaft wieder hinauf nach Jerusalem. Ein Wallfahrtslied, wie Psalm 126 überschrieben ist. Ein langer Marsch, der bevorstand. Aber, man blickte nach vorn. In Babel, dem Ort der selbst verschuldeten Verbannung, richtete man sich nach dem Ziel aus. Träumte von der Freiheit. Hoffte, nach Jerusalem gehen zu können, wenn auch auf beschwerlichem Weg, von unten zum Tempel Gottes oben.
Wir in heutigen Zeiten der Pandemie sind "Gefangene" in den sich daraus ergebenden Beschränkungen unserer persönlichen Freiheit. Kann ich meinen Glauben wieder so leben wie früher, z. B. ohne Sorge vor Ansteckung. Wieder regelmäßig Gottesdienste am Sonntag und unter der Woche erleben mit der gemeinsamen Feier des heiligen Abendmahls - ist das Freiheit für mich? Oder verbinde ich damit anderes, zum Beispiel meine Karriere? Damals in Babylon unter den Bedingungen der Gefangenschaft war keine freie Entfaltung möglich. Ging es darum oder um die Freiheit, ins Heiligtum, in den Tempel in Jerusalem zu kommen?
Und wie ist es mit den Seelen in der Ewigkeit? Es war der Gottesdienst vor dem ersten im Monat März, an dem neuapostolische Christen weltweit in Fürbitten Entschlafener gedenken, die von Sünde erlöst und frei werden wollen. Gefangen durch eigene Schuld wie damals das Volk Israel, das so in die Verbannung geraten war. Wir kennen das auch. Es belastet uns, wenn wir uns vorwerfen, hätte ich da und dort bloß anders gehandelt. Seele und Geist bleiben in der Ewigkeit so, wie sie zu Lebzeiten des Menschen waren. Nur die Körperlichkeit ist nicht mehr. Viele Wenn und Aber bleiben. Wir Lebenden können im Gottesdienst Gnade erleben und Kraft durch Jesus` Opfer bekommen.
Niemand macht immer alles richtig. Und ein schlechtes Gewissen ist kein gutes Ruhekissen. Es lässt einen die Gemeinschaft scheuen. Schon in der Partnerschaft weicht man dem anderen dann lieber aus. Aber Gott sagt: "Bei mir musst du kein schlechtes Gewissen haben." Petrus damals weinte, weil er seinen Herrn verleugnet hatte. Jesus machte ihm keinen Vorwurf. Fragte nur: "Hast du mich lieb?" Das ist die frei machende Kraft der göttlichen Liebe. Nur die schafft das Vollkommene. Dazu hat Christus sein Opfer gebracht. Entscheidend ist, dass ich glaube und ihm vertraue. Lasst euch hinführen zur Gnade. Wie die Träumenden sollen alle das erleben. Unser Wunsch für alle Seelen in der jenseitigen Welt. Vertrauen darauf haben, dass Liebe universal ist und auch dort wirkt. Jesus begab sich nach seinem Tod zu denen, die zu Noahs Zeit nicht glauben konnten. (1. Petr. 3, 18 ff). Alle dürfen die Sakramente erleben. Die Taufe mit der Nähe zu Jesus. Eine vollkommene Veränderung, erlebt "wie ein Träumender". "Beim Entschlafenengottesdienst vertrauen wir auf Gottes Liebe, die keine Grenze zwischen Toten und Lebenden hat."
Jetzt erleben wir, dass der himmlische Vater uns erlösen will. So leitete der Bischof zur Feier des heiligen Abendmahls über. Das soll auch in schwieriger Zeit unsere Freude sein: Gott schenkt sich uns und wir erleben das wie die Träumenden. Was nicht bedeutet, wie die Schlafenden. Vielmehr sind wir ganz wach, freuen uns darüber und strecken unsere Hand aus in die Ewigkeit.
Nach dem Gottesdienst würdigte Urs Heiniger ihn als Grund zur Freude: Eine innerlich enge Begegnung trotz äußerer Beschränkungen. "Wir bleiben eine Gemeinde." Besonders dankbar zeigte er sich für die Musik, in diesem Gottesdienst dafür verantwortlich Markus Herr an der Orgel und am Klavier. Musik, die in "poetischer Sprache" ein Stück unseres Empfindens wiedergibt. Das wurde bestätigt und der Dank damit gleich musikalisch weitergegeben, indem zum Schluss die Melodie des Chorals "Nun danket alle Gott ..." (neuap. Gb. Nr. 256, Komp. Johann Crüger, 1598 - 1662) gespielt wurde.